Buchtipp: Wie der Herr, so´s gescherr

Nicht nur katholische Herrscher sahen sich als absolute Machtinhaber, eingesetzt von Gottes Gnaden. Auch protestantische Fürsten und Könige nutzten ihren Absolutheitsanspruch weidlich aus. Ein besonders konservativer Vertreter dieser Gattung war Friedrich Wilhelm I., seinerzeit König in Preußen. Er galt als wahrer Begründer des Preußenstaates und schuf das General-, Oberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, in dem alle Zweige der Regierung zentralistisch zusammengefasst waren. Der Beamtenapparat wie auch die preußische Armee unterstanden seiner direkten Kontrolle. Diese Maßnahme hatte sein Großvater einst beim Sonnenkönig abgekupfert.

Aber erst sein Enkel setzte in seinem Staat die preußischen Tugenden durch, wobei er alle Charakterzüge Friedrich Wilhelms I. nicht nur auf seinen Staat, sondern auch auf seine gesamte Familie projizierte:
eiserne Disziplin, außergewöhnliche Strenge, unbedingter Gehorsam und Perfektionismus.

Während Beamte und Soldaten einen Großteil des Schlosses bevölkerten und die Gärten zu Exerzierplätzen umfunktioniert worden waren, hatte sich die königliche Familie mit ein paar wenigen Räumen zufrieden zu geben. Zudem musste sie das tyrannische Gebaren des Hausherrn erdulden und war deshalb froh, wenn er sich seinen Staatsgeschäften zuwendete.

Besonders der kleine Friedrich litt unter seinem despotischen Vater. Er war ein zart besaitetes Kind und spielte am liebsten „Verkleiden“ mit seiner großen Schwester Wilhelmine. Stundenlang durchwühlte er ihre Kleiderkammer, um sich dann in Wilhelmines schönstes Brokatkleid zu hüllen. Als er sich wieder einmal geschminkt und mit Perücke vor dem Spiegel drehte, stürmte Vater Friedrich mit lautem Gebrüll in das Zimmer.

„Wo ist dieser verweichlichte Nichtsnutz? Wilhelmine, wo steckt dein Bruder?”, schrie er seinen Sohn an. Mit vor Angst weit aufgerissenen Augen hielt der kleine Friedrich die Luft an und zuckte nur geistesgegenwärtig mit den Schultern.

„Ach, blödes Weibervolk …”, raunzte sein Vater und verließ schnurstracks den Raum.

Erleichtert atmete Friedrich aus. Da fiel es ihm schlagartig wieder ein. Heute, pünktlich um zehn Uhr sollte er sich zum Exerzieren bei seiner Truppe melden. Und jetzt war es bereits Viertel nach zehn, und sein Gesicht war immer noch voller Schminke. Seine Uniform lag dort, wo er sie hingepfeffert hatte, als er erfahren hatte, dass er jetzt, mit sieben Jahren, seine Soldatenlaufbahn beginnen sollte:
zusammengeknautscht und unbeachtet unter seinem Bett.

In Windeseile zog er sich um, rannte die Treppe hinunter und hinaus auf den Truppenübungsplatz, wo die langen Kerls schon in Reih und Glied standen. Der Anblick seines Vaters, der mit zornesrotem Gesicht vor der Truppe auf und ab marschierte, ließ nichts Gutes erahnen. Am liebsten hätte er sich im Kleiderschrank versteckt, aber es gab kein Entrinnen.

„Warum kommst du zu spät?”, klatsch, „Und wie sieht deine Uniform aus?”, klatsch, „… und was hast du da in deinem Gesicht?”, klatsch, klatsch, klatsch …

Jetzt konnte sich Friedrich Wilhelm gar nicht mehr beherrschen. Vor versammelter Mannschaft versohlte er dem kleinen Fritz auch noch das Hinterteil, nachdem er ihm zuvor schon fünf Ohrfeigen verpasst hatte.
Das war zu viel für den Kleinen. Unaufhaltsam strömten die Tränen über sein Gesicht, und die ganze Schminke tropfte seine Wangen hinab auf die Uniform.

„Geh mir aus den Augen, du Waschlappen. In einer halben Stunde wirst du hier pikobello strammstehen. Und wehe, du wagst es, nicht pünktlich anzutreten!”